Noch mehr Gelb oder sag mir, wo die Insekten sind

Rushhour an der Goldrute

Im vorigen Beitrag schrieb ich es ja schon. Ich war mal wieder im Berggarten, im Botanischen Garten von Hannover. Es ist schon ein besonderer Garten, der 1666 ursprünglich als fürstlicher Küchen- bzw. Gemüsegarten angelegt wurde. Im Laufe der Zeit wandelte er sich zu einem Garten für exotische Pflanzen, man zog Tabak und Maulbeerbäume, die eine zeitlang die königliche Raupenzucht mit Blattgrün versorgte. Seit 1750 ist es ein Botanischer Garten. Die Ursprünge des Gartens haben sicherlich zu seinem heutigen Aussehen beigetragen.

Neben den vielen schönen Blütenpflanzen suche ich natürlich immer auch nach Insekten. Es war wieder interessant, wo sie sich wie verteilten. In so einem vielfältigen Garten gibt es so viel zu naschen ;-) Dennoch war nicht überall gleich viel los. Das finde ich spannend und spiegelt auch meine Erfahrungen vom Balkon wieder. Nur weil wir was für insektenfreundlich halten, ist es nicht immer dann gefragt, wenn es bei uns blüht.

Ich fange diesmal mit den Goldruten Solidago an, wobei ich versäumt habe nachzusehen, welche Art das ist. Es gibt mehrere Arten, die in Eurasien beheimatet sind, aber ebenso hat die Kanadische Goldrute bei uns Einzug gehalten, die als invasiver Neophyt gilt, weil sie an bestimmten Standorten heimische Arten verdrängen kann.

Egal welche, schön finde ich alle. Diese hier ist offensichtlich eine gute Nektarquelle wenigstens für häufige Insektenarten. Hier war jedenfalls der Bär, äh, das Insekt los :-) Was mich erstaunt hat: ich sehe häufig Fliegen an ihnen, aber hier waren Ackerhummeln, Mistbienen, Schwebfliegen, Goldfliegen, Igelfliegen und der Bienenwolf zu sehen.

Dafür, daß ich den Bienenwolf Philanthus triangulum dieses Jahr erst entdeckt habe, sehe ich ihn jetzt überall. Hier war er ebenfalls häufig anzutreffen. Ich finde, das Insekt ist so toll gezeichnet. Ich kann mich gar nicht sattsehen.

Eine Mistbiene oder Scheinbienen-Keilfleckschwebfliege Eristalis tenax

Hier noch mal die hübsche Grosse Sumpfschwebfliege Helophilus trivittatus. Die war auch an anderen Stellen häufig vertreten.

Eine Schwebfliege und ein Goldrutenallerlei :-)

Wenn man das Gewusel so betrachtet, fragt man sich, wieso es ein Insektensterben gibt. Es bräuchte doch nur genug Nahrung in Form von Blüten und Platz für Lebensräume und Brutmöglichkeiten. Abgesehen vom Pestizidproblem durch die Landwirtschaft, von Überdüngung und Vernichtung von Wildblumen, kann es sein, daß wir unsere Umwelt so „arm“ gemacht haben, daß Insekten verschwinden müssen?

Die Problematik ist natürlicht etwas komplexer und so wenig haben obengenannte Faktoren natürlich nicht ausgemacht, sondern ganz schön viel sogar, doch selbst in unseren Gärten ist die Vielfalt weniger geworden. Dank der Flurbereinigung bzw. dem Gesetz von 1953, wo man begonnen hat kleinere „Parzellen“ zu größeren und effizienteren Flächen zusammenzulegen, begann vermutlich schon der Niedergang der Vielfalt. Während früher nur kleine Flächen bewirtschaftet und auch nur nach und nach gemäht wurden, gab es für viele Tiere Ausweichflächen. Es wurde auch nur ein bis zweimal im Jahr gemäht. Heute wird bis zu 4 oder 6 mal im Jahr gemäht, wenn nicht noch mehr. Da kann sich kein Insekt retten und auch keine Wildblume versäen.

Gerade forscht man in einem Pilotprojekt der Universität Göttingen und Kiel in Zusammenarbeit mit ein paar Landwirten an Feldern, die in Streifen angelegt werden. Weizen und Raps werden auf schmalen Flächen im Wechsel angebaut. Es zeigt sich bereits nach einem Jahr, daß die Artenvielfalt unter den Insekten um 50% zugenommen hat im Vergleich zu den großen Feldern mit Monokultur. 51 Wildbienenarten konnten gezählt werden und auch bei den Vögeln fand man doppelt so viele Tiere wie bei den anderen Flächen, außerdem war der Befall durch Getreideblattläuse und durch Rapsglanzkäfer um die Hälfte geringer. Dabei gab es keinen Flächenverlust für die Landwirte.

Außerdem interessant zu dem Thema rund um das Insekten- und Vogelsterben: die heutige Plan-B Sendung. Hier zu finden. Manche Landwirte werden bereits aktiv, um etwas zu tun. Ein weiteres Problem sind moderne Glasfassaden, an denen in Deutschland in einem Jahr ca. 100 Mio. Vögel verenden! Unglaublich oder? Vögel tragen zudem zur Artenvielfalt bei, weil sie Pflanzensamen verteilen. Weniger Vögel, weniger Arten. Alles hängt zusammen. Zum Schluß noch zwei Zahlen aus der Sendung: Um den Kiebitzbestand zu erhalten, müßte von einem Gelege mit 4 Eiern eigentlich nur 1! Küken überleben. An vielen Orten in Deutschland ist nicht einmal mehr das gegeben. Die Küken verhungern aus Insektenmangel.  Ein Kiebitz benötigt 1000 Insekten am Tag.

Jetzt habe ich ganz schön weit ausgeholt, aber die Goldrute hat es mir irgendwie mit auf den Weg gegeben….

I have been to our botanical garden in Hannover, which is called „Berggarten“. There are so many flowers right now and of course I am looking for insects. Interesting to me is, that the insects are not everywhere to be found, but on some preferred plants. I experience the same here on my balcony. While many flowers bloom, they are only interested in a few of them. I think we humans don’t really understand, which insects need what and when.

Solidago is a flower, that is full of different flies, bumblebees and hoverflies. There are some different species here. One kind that is to be found in Europe and one from northern America, the canadian plant, which is invasive. They all shine wonderfully yellow and this kind was apparently full of nectar.

At the sight of the flowers with so many insects I asked myself how did we generate the decline of insects? All they need are lots of flowers and the habitat where they can live and breed. Did we destroy all of it „only“ with pesticides and too much fertilizer and our sense of order? As it seems: yes. We devastated too many wildflowers, even in the private gardens variety is regressive.

In 1953 there was a law in Germany that sorted the land anew. Small fields from different owner were clubbed together. So every owner got bigger fields which made the crop more efficient and brought more profit. Understandable. But this was maybe the point, when the decline of insects started. In times when fields were small, not every area could be mowed at the same time. Insects and other animals like birds and so on could find a place to stay until the next field was mown. Besides the fields were only cut once or twice a year. Today this cutting takes place up to 4 or 6 or even more times. Not many insects can survive that and no wildflower can live long enough to make seed!

Now there is a project from 2 universities, Kiel and Göttingen, together with some farmer. They test fields in stripes, grain and rapeseed. After a year they found 50% more kinds of insects, much more birds and up to 51 species of wild bees in opposite to the bigger fields. Besides there were less vermin. A start, but a good one, don’t you think?

19 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wenn man sich erinnert, wie eine „Autoschnautze“ und auch die Frontscheibe früher nach einer längeren Fahrt aussahen… und wie sauber sie heute bleiben, merkt man deutlich, wie viele Insekten inzwischen fehlen. Hoffentlich kriegen wir da nochmal die Kurve, da kann einfach nur jedes Projekt willkommen sein.

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    1. pflanzwas sagt:

      In dem Beitrag wird ein Landwirt vorgestellt, der sich gegen finanzielle Unterstützung darauf eingelassen hat, etwas zu ändern. So langsam tut sich was, aber überall sind es kleine Projekte. Die helfen ja auch, aber gut wären endlich mal landesweite Initiativen. Veränderungen in dieser Art gehen zu oft langsam vor sich. Hoffen wir, daß die Tier und Pflanzenwelt da mithält. Man fragt sich, was noch kommen muß. An den betonierten Fluß- / Bachläufen aus den 70ern renaturieren sie heute noch (schrieb ich glaube ich schon öfter ;-), seufz.

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      1. Klar wäre landesweit besser, aber alles, was regional überlebt, kann sich auch wieder ausbreiten.

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        1. pflanzwas sagt:

          Gut gesagt. Hier fände ich das Wort ansteckend ausnahmsweise mal angebracht :-)

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  2. Ja, so geht es, man kommt von einem zum anderen…. und damit sieht man, wie alles doch zusammenhängt!
    Übrigens, so wie die kanadische Goldrute bei euch ein Eindringling ist, so ist es der Blutweiderich bei uns!
    Und was die Vögel anbelangt – ich ärgere mich immer, wenn die Katzen als die grössten Feinde der Vogelwelt dargestellt werden. Ja, ich weiss, dass sie jagen und einen Teil der Schuld tragen, aber wie du schreibst, die Glasfassaden der Hochhäuser tragen dazu bei, die Jagd auf unsere gefiederten Freunde in den südlichen Ländern und wahrscheinlich auch die Windräder – aber wahrscheinlich ist es einfacher sich über die Katzen zu ärgern und Massnahmen zu fordern…. jetzt bin ich von einem ins andere gekommen….😉
    Viele Grüsse
    Christa

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    1. pflanzwas sagt:

      Das vom Blutweiderich habe ich schon gehört. Schade ;-) Hübsch sind sie ja alle. Ist natürlich nur blöd, wenn dann andere Arten gehen müssen. – Die Katzen sind sicherlich nur ein Teil des Problems, wie die anderen Sachen auch, aber es wäre schön, wenn mehr Menschen sie kastrieren lassen würden, damit es weniger Streuner gibt. Ich denke, daß wär schon hilfreich. Das Problem mit den Scheiben ist schon länger bekannt, aber da tut sich erstaunlich wenig. Das die Zahlen so drastisch sind, hat mich allerdings umgehauen. In dem Fernsehbeitrag (kanns du vielleicht nicht sehen), zeigen sie ein Projekt mit Digitaltechnik, wo sie gerade daran arbeiten, Windräder bei Vogelannäherung zu stoppen. Kostet natürlich, aber der Betreiber aus der Sendung war bereit, daß flächendeckend einzusetzen, wenn es zugelassen wird. Immerhin, kleine Hoffnungsschimmer! Ja, man kommt vom einen zum anderen :-)

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      1. Mit dem Kastrieren der Katzen hast du vollkommen recht!
        Was die Vögel, die durch die Glasscheiben umkommen betrifft, so habe ich gelesen, dass in Kanada jährlich 25 Millionen diesen Scheiben zu Opfer fallen.
        Wenn diese Digitaltechnik bei den Windrädern zum Einsatz kommen würde, so wäre das ja schon mal was!
        Und was unsere gegenseitigen Eindringlinge betrifft – schön sind sie beide!
        Viele Grüsse
        Christa

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        1. pflanzwas sagt:

          Das ist auch krass, 25. Mio. Ja, schön sind sie alle, daß sehe ich auch so :-)

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  3. Ule Rolff sagt:

    Bei solchen Informationen bekomme ich immer das Gefühl, wie niedlich unsere kleinen Verrenkungen sind, mit Balkon und Garten die Welt zu retten. Es sind so viele Enden, an denen man gleichzeitig und in großem Rahmen anpacken müsste …
    Aber: ja, ich weiß, auch Kleinigkeiten helfen mit ☺

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    1. pflanzwas sagt:

      Ja, man ist manchmal hin und hergerissen, aber irgendwer muß ja anfangen und viele Tropfen… Am Anfang waren es immer nur ein paar. Und vielleicht regen die paar bunten Flecken andere an, es nachzuahmen. Man kann nur optimistisch bleiben, sonst müßten wir gleich einpacken.

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      1. Ule Rolff sagt:

        Ich erlebe ja, dass es ansteckend wirkt, wenn man anfängt. Aber große Wirkung … ob wir die erleben werden?

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        1. pflanzwas sagt:

          Die ersten AKW-Gegner waren bestimmt auch nur ne Handvoll Leute. Ich hoffe, wir erleben es noch, daß der Natur mehr Gewicht gegeben wird!!!

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          1. Ule Rolff sagt:

            Hoffen ist immer möglich. Dran glauben … schön wär’s.

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            1. pflanzwas sagt:

              Vielleicht könnten wir es versuchen. Zweifeln kann ja jeder ;-)

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  4. geno sagt:

    hier bei mir habe ich schon seit längerem keine schmetterlinge oder libellen mehr gesehen. dieses jahr hatte ich zum ersten mal keine wespe mehr im haus. :-(

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    1. pflanzwas sagt:

      Was die Schmetterlinge angeht, ist es hier dieses Jahr auch katastrophal. Die Arten kann man an zwei Händen abzählen. Libellen sieht man welche. Und die Wespen, ist es bei dir nicht heiß und trocken? Das sind ja ihre bevorzugten Bedingungen. Wenn es allerdings keine anderen Inseten zu fangen gibt…manchmal gibts auch schwache Jahre.

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  5. Das mit dem häufigen Mähen ist mir auch aufgefallen. 🙃

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