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diekoennenweg

Eine Welt ohne Insekten !

Für manche Menschen wahrscheinlich eine schöne Vorstellung, aber genaugenommen könnte es eine Katastrophe sein. Es gibt Regionen in Deutschland, wo 80% der Insekten bereits verschwunden sind !

Unglaublich, aber wahr ! Letzte Woche lief im Bayerischen Fernsehen ein Beitrag zu dem Thema (http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/faszination-wissen/insektensterben-blumen-pflanzen-video-100.html#bcastTime). Es kann sein, das er nicht mehr verfügbar ist. Hier gibts auf jeden Fall noch einen Kurzclip.

Schockierende Zahlen ! Die Insekten stellen die artenreichste Klasse aller Tiere auf diesem Planeten dar. So gesehen, könnte man erst mal denken, dann gibts ja genug. Wenn dann da und dort ein paar fehlen, was solls ?! Da sie jedoch für so viele Vorgänge unersetzbar sind, ist es vielleicht umso schockierender, daß es Gebiete gibt, wo sie kaum noch vorkommen.

Insekten kümmern sich um die Bestäubung von Blumen und Pflanzen, sichern so deren Verbreitung, die Artenvielfalt und den Ertrag von Obst und Gemüse. Insekten kümmern sich um Aas und Kot, beseitigen Laub, transportieren und verbreiten Samen, verwandeln Tier- und Pflanzenreste in Nährstoffe, die wieder dem Erdreich zugeführt werden können.

Insekten dienen vielen anderen Tieren als Nahrung: Vögeln, Amphibien, Spinnen …

80 % weniger Insekten !!! Auch wenn es nur regional ist, was für eine unglaubliche Zahl. Und mit den Insekten verschwinden Vögel und Blumen. Fehlen die Bestäuber, sterben manche Wildblumen mit aus. Laut Bericht, sollen im Raum München ein Viertel der dort vorkommenden Wildblumenarten bereits ausgestorben sein. Einige der Blumen sind auf ganz bestimmte Bestäuber spezialisiert und diese lassen sich nicht ersetzen. Dagegen gibt es natürlich auch Pflanzen und Insekten, die sehr flexibel sind. Die sind es auch, die die besten Überlebenschancen haben.

Insekten, wie beispielsweise die Ameisen, helfen dabei, Samen zu verbreiten und den Boden aufzulockern. Alle Tiere und Pflanzen haben ihren Sinn und ihre Daseinsberechtigung. Dort, wo sie dem Menschen nicht passen, müssen sie weichen oder werden vernichtet. Wer entscheidet eigentlich darüber ?

In dem Beitrag wird am Beispiel des Borkenkäfers erklärt, was dieser „Schädling“ am richtigen Platz für einen positiven Nutzen hat. Im Forstwald ist er der Feind Nr. 1 und muß vernichtet werden. Im Naturwald (was für ein Wort, „Natur-Wald“ !!) schafft er neuen Lebensraum. Der sterbende Baum bietet vielen anderen Insekten und Mikroorganismen Unterschlupf und Futter. Der Waldboden bekommt mehr Licht und neue Pflanzen haben die Chance zu wachsen ! Der Baum wird zersetzt und wird so zu neuem Nährstoff für den Boden. Ein wunderbarer Kreislauf, der die Vielfalt erhält. Aber im Nutzwald ist er plötzlich ein Schädling.

Aber warum ist die Vielfalt so wichtig ? Alles läuft doch noch, auch wenn schon so viele Wildblumen ausgestorben sind. Obst und Gemüse gibt es doch in Hülle und Fülle ?

Antwort: weil die Artenvielfalt auch für uns Menschen überlebenswichtig ist !

Gibt es nur noch wenige Sorten, werden diese immer anfälliger gegen Bedrohungen jeglicher Art. Wenn Kulturpflanzen von Krankheiten, Pilzen oder Schädlingen befallen sind, können alte Sorten eingekreuzt werden, die gegen solche Krankheiten resistent sind. Gibt es diese Sorten nicht mehr, droht der Verlust ganzer Ernten.

Im 19. Jahrhundert gab es in Irland „the great famine“, den großen Hunger, an dem bald eine Million Menschen starben. Die Kartoffel war zu der Zeit das Grundnahrungsmittel der Iren. Die Kartoffel war landesweit von der Kartoffelfäule befallen. Damals gab es diese Möglichkeiten zur Rettung der Pflanzen noch nicht, aber es ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn man von einer Pflanzenart abhängig ist. Das ist heute in Europa überwiegend nicht mehr der Fall, in ärmeren Ländern kommt dies jedoch noch vor.

Ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit der Vielfalt ist die im letzten Jahrhundert in St. Petersburg begründete Genbank, die nach dem russischen Botaniker Nikolai Iwanowitsch Wawilov (1887-1943) benannt wurde ! Wawilovs Ziel war es, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Auf ausgedehnten Forschungsreisen sammelte er bereits in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Pflanzen weltweit. Seine Sammlungen, die später von Studenten und Mitarbeitern fortgeführt wurden, bildeten die Grundlage für die Genbank. Heute existiert in St. Petersburg immer noch das Vavilov -Institut, das über 300.000 Pflanzenarten beherbergt ! 90% dieser Pflanzensamen existieren nur noch dort !!!

Während des Kalten Krieges gab es in Amerika Probleme mit dem Sojaanbau. Das Soja war verbreitet von Würmern befallen. Die Ernten waren bedroht. In der Genbank in St. Petersburg gab es eine Sorte, die gegen diese Würmer resistent war. Trotz der politischen Eiszeit, sandte man den amerikanischen Sojabauern Proben der entsprechenden Sorte und der Sojaanbau konnte gerettet werden ! Es gab noch weitere Fälle dieser Art, wo die Mitarbeiter des Instituts mit ihren Beständen helfen konnten.

Oder die „Alblinse“. Eine Linsenart, die früher auf der Schwäbischen Alb angebaut wurde. Sie verschwand. Als vor einigen Jahren nach dieser alten Anbaupflanze gesucht wurde, wurde man fündig, und zwar: in St. Petersburg ! 2006 kehrte die alte Sorte zurück nach Deutschland.

Noch eine kurze Anmerkung zum Institut: während der Belagerung Leningrads durch die Deutschen im 2. Weltkrieg, als unzählige Menschen in der umlagerten Stadt verhungerten, schützten die Mitarbeiter des Instituts (Wawilow selbst war unter Stalin verhaftet worden und starb 1943 im Gefängnis) ihre Schätze und sorgten dafür, daß nichts von der wertvollen Saat verlorenging. Das ging soweit, daß man später einige der Mitarbeiter verhungert neben Tütchen mit Samen von Reis und Erdnüssen vorfand !

Um das viele Saatgut zu erhalten, müssen die Pflanzensamen immer wieder ausgebracht werden. Saat von Pastinaken hält beispielsweise nur 1 bis 1,5 Jahre. So gibt es etliche Anbauflächen des Instituts in Russland, in denen man sich bis heute um die Erhaltung der Artenvielfalt kümmert. Es gibt beispielsweise hunderte Erdbeer- und Apfelsorten. Ein riesiger Aufwand. Das Institut war leider immer wieder in seiner Existenz bedroht. Hoffentlich bleibt es nun erhalten !

Der Wert dieser Sammlung dürfte für die Menschheit unschätzbar sein !

Um noch einmal auf die Insekten und die Artenvielfalt zurückzukommen: Die Gründe für den Schwund sind vielfältig. Tatsache ist, daß die Landschaft heute wie ausgeräumt ist. Jeder Quadratmeter wird bewirtschaftet, um noch etwas Gewinn herauszuholen. Zu  viele Insektizide, Unkrautvernichtungsmittel, Pestizide, Bebauung, Versiegelung. Die Natur hat keinen Platz mehr.

Es liegt in unserer Hand, etwas zu ändern. Wir können vor unserer Haustür anfangen und es anderen Menschen weitererzählen und bewußt machen. Wir können unsere Erde nicht endlos ausbeuten, damit der Ertrag und der Gewinn stimmen (der für viele Landwirte nicht mal stimmt), um schließlich einen großen Teil der daraus produzierten Lebensmittel wegzuschmeißen…

So, darüber mußte ich mich mal auslassen !! Ich finde es katastrophal, was mit unserer Natur passiert und ich bin entnervt von der Gewinnmaximierung. Der „Optimierung“ nicht nur von uns selbst, sondern auch von unserer Mutter Erde ! Anscheinend hat ein Teil von uns jegliche Beziehung dazu verloren, sonst würden wir mit dem Lebensraum um uns rum vermutlich nicht so umgehen ?!

Ich bin begeistert über dieses Institut mit ihrer Genbank, in der sich Menschen dafür einsetzen, diese Schätze und die Vielfalt zu erhalten. Ich freue mich über jeden, der was in seinem Garten oder seiner Umgebung tut, um für mehr Natur zu sorgen. Ich bin froh, wenn Naturschutzbund und andere engagierte Menschen es schaffen, wieder einmal ein Gebiet, eine Art, unter Schutz zu stellen und zu erhalten. Interessant ist ja auch, daß Unkräuter Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel bilden :-)

Unkraut vergeht nicht und dort, wo der Mensch nicht eingreift, kehrt zum Glück vieles schnell wieder zurück.  Das macht mir Hoffnung !!!

Und noch ein Nachtrag: es gibt viele Vereine, die sich um den Erhalt alter Obst- und Gemüsesorten kümmern. Einfach mal in der Suchmaschine eingeben, es gibt viele !! Dort kann man Saatgut bestellen und in seinem eigenen kleinen Gärtchen anpflanzen und vermehren und somit zum Erhalt beitragen :-)

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. Giorgione sagt:

    Wow, was für ein Beitrag! Toll! Wichtig! Und, traurig wie beängstigend. Gesagt werden muss es trotzdem. Über einen der Vereine, die sich für die Erhaltung einsetzen habe ich mal geschrieben; den VERN hier die Artikel:
    https://gehoelzbalkon.wordpress.com/2015/08/15/alte-sorten-alte-samen-viel-vielfalt-sommerfest-des-vern-in-greiffenberg/
    https://gehoelzbalkon.wordpress.com/2015/08/19/saatgut-fuer-lebensvielfalt-fortsetzung-zum-sommerfest-in-greiffenberg/
    Meine Artikel sind von viel Hoffnung gekennzeichnet. Sie sind von letztem Jahr. Aber, Pflanzen kann man ganz anders retten als Insekten. Da kann man das kaum wirklich. Und so denke ich oft, wenn ich über eine Wiese gehe und mich wundere, dass keine Grashüpfer und anderes sich dart bewegen, das wir am Ende sind.

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    1. pflanzwas sagt:

      Danke für deine Rückmeldung ! Ich sehe mir deinen Artikel später an ! – Das gute ist: ich glaube, wenn wir die Pflanzen retten können, können wir auch die Tiere retten. Das geht bei den Insekten ja „Hand in Hand“. Und wenn ich diese Aussage mit dem extremen Rückgang auch schockierend finde, manchmal auch frustrierend, bin ich genauso erstaunt, wenn ich von Projekten höre, wo Blumeninseln in einer Stadt dazu geführt haben, daß plötzlich Insekten, die auf der roten Liste stehen, genau dort wieder auftauchen. Nur mir macht ein wenig Sorge, wie massiv das ist und wie weit unsere industrialisierte Landwirtschaft reicht. Wie lange wird es dauern, daß zu ändern ??? Und gleichzeitig fallen mir die Flußbegradigungen der 70er / 80er Jahre ein, die verschmutzten Flüsse, wie Elbe oder Rhein – und heute ? Ist viel Leben zurückgekehrt. Es besteht Hoffnung. Ich frage mich nur, wie lange noch ?? Ich schwanke jedenfalls hin und her..aber die Hoffnung, die stirbt zuletzt :-)

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  2. gartenkuss sagt:

    Es ist unfassbar traurig 💚, und die Ignoranz und Dummheit der Menschheit riesengroß 😞. Wie wichtig sind deshalb Beiträge wie deiner 💚. Danke dafür. Und Dankeschön auch für die weiterführenden Infos. LG von gartenkuss 🙋☀🐝

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    1. pflanzwas sagt:

      Lieben Dank dafür :-) Ich freue mich auch immer sehr über deinen Blog und was du in deinem Garten so alles für die Insekten schaffst !! Wenn jeder ein bißchen was tun würde, sähe die Welt schon besser aus, aber so vielen Menschen ist das anscheinend überhaupt nicht klar, was sie mit ihrem Kahlschlag im eigenen Garten anrichten. Noch wichtiger wäre natürlich eine Kehrtwende in der Landwirtschaft oder bei der Flächenversiegelung…dennoch hoffnungsvolle Grüße vom Balkon in den Garten 💚 Liebe Grüße von Almuth

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  3. Danke für diesen wichtigen Beitrag, liebe Almuth. Die Menschheit läuft auf eine selber verursachte Katastrophe hin, aber fast niemand will das hören. Und fast niemand will glauben, dass es wirklich GUTE Alternativen zu dem ganzen Pestizidkram gäbe. Und da kaum jemand Pflanzen überhaupt kennt, fällt auch kaum jemandem auf, dass die Biodiversität immer mehr schwindet. Und mit ihr die Insekten. Wer weiss denn noch, wie wichtig diese sind für unser Überleben? Die Menschheit hat sich so weit von der Natur entfernt, der Gedanke an eine Rückkehr und an ein Umdenken ist bei den allerwenigsten vorhanden. Ganz, ganz tragisch.

    Gefällt 3 Personen

    1. pflanzwas sagt:

      Ja, wir haben wohl zu sehr den Bezug verloren. Es müßte zum Biologieunterricht in der Schule so etwas wie praktische „Naturkunde“ geben. Von der verstorbenen Loki Schmidt, die Ehefrau von Exkanzler Helmut Schmidt, gibt es zu dem Thema schöne Bücher. Sie war Lehrerin und es war ihr wichtig, solches Wissen auch an Kinder weiterzutragen (selbst ihre Bodyguards haben was von ihr über Botanik gelernt :-) Wie wichtig und weitgreifend die Arbeit der Insekten für uns ist, können wir vielleicht nur erahnen. Du arbeitest ja auch mit diesen Effektiven Mikroorganismen. Damit muß ich mich auch noch mal beschäftigen. Es hört sich nach einer guten Alternative an ! Herzliche Grüße, Almuth

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  4. fabisbox sagt:

    Super interessant dieser Bericht! Ich habe noch nie von dieser Genbank gehört, das ist wirklich genial. Und das Ganze-die Verarmung der Vielfalt -so traurig aber wahr. Die Natur ist unglaublich stark aber es wird langsam kritisch- eben 5 vor 12. also lass uns weiter pflanzen, lernen, aufklären und alle anstecken mit unserer Freude an der Pflanzen- und Insektenwelt.💚🐛🌱

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    1. pflanzwas sagt:

      💚lichen Dank :-) Als ich deinen Beitrag heute las, dachte ich nur, wie passend das ist. Genau meine Gedanken !! Ja, es hilft wahrscheinlich nur Begeisterung und die soll bekanntlich ansteckend sein :-) Und Begeisterung und Freude am Pflanzen und an den Pflanzenbewohnern haben wir doch reichlich, da können wir noch jede Menge abgeben :-) Ich freue mich über den Kontakt ! Ganz herzliche Grüße, Almuth

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  5. Sehr interessante Gedanken!

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